Wie alles begann - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte

Unser aller Lebenspfade sind zumeist so verworren und rätselhaft wie die auf unergründlichste Weise verschlungenen geheimnisvoll schillernden Spinnfäden des Altweibersommers. Weder kennen wir ihren Anfang noch das Ende. Und wollten wir die kostbaren Fäden vermessener Weise zu trennen oder gar aufzuwickeln versuchen, zerrissen sie doch ob ihrer ganz und gar unglaublichen Zartheit unmittelbar in unseren rauen Händen. In einer unbegreiflichen Laune hat der Wind sie in einsam kühler Nacht übers weite stille Land geweht. Ja und noch bevor der Winter kommt, sind die zarten Fäden bereits zu winzigen Stücken in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Nimmer mehr können wir sie zusammenknüpfen.
So ist es also müßig, sich allzu viel Gedanken über die verschlungen Pfade unseres Lebens zu machen, sich um Dinge zu sorgen, die wir doch nicht verstehen oder ändern können. Wer weiß schon, warum wir dies oder jenes tun oder auch nicht tun, warum ein Blatt in einem ganz bestimmten Augenblick zu Boden fällt und keine Sekunde früher oder später, warum auch nicht eine Wolke wie die andere aussieht, warum wir am Ende unseres Lebens graue Haare bekommen, warum wir wie die Blumen geboren werden und vergehen? Und ebenso verhält es sich mit der folgenden Geschichte, die mir nämlich bis zum heutigen Tage noch immer genauso geheimnisvoll und unerklärlich geblieben ist wie mein Leben selbst:

Alles begann mit einem leeren Portemonnaie und einem seit Tagen knurrenden Magen, denn schon lange hatte ich keine Geschichte mehr geschrieben, geschweige denn verkaufen können. An dieser katastrophalen Situation musste sich dringend etwas ändern. Doch das Schicksal schläft nie und so flatterte an einem stürmisch verregneten Novembertag im Jahr 2000 unverhofft die Ausschreibung zu einem Schriftstellerstipendium der „Stiftung Preußische Seehandlung“ in meinen Briefkasten. Sofort ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe und versuchte ein Exposé für eine Kindergeschichte zu schreiben. Doch so sehr ich mich auch bemühte, nicht der winzigste Zipfel einer Idee wollte sich zeigen. Tief zerknirscht dachte ich, wenn schon kein Exposé, dann sollte die Jury doch wenigstens erfahren, was ich von Exposés und ähnlichem Unsinn halte:

 „Sehr geehrte Damen und Herren der Jury!

Wie wohl ich Ihre Stiftung sehr schätze, da Sie für so manchen mehr oder auch weniger begabten Schreiberling eine wertvolle Lebenshilfe gewesen sein mag, so sag ich es Ihnen dennoch gleich von Anfang an frei heraus: Aus tiefstem Herzen bin ich ein Gegner von Exposés, Handlungsskizzen und ähnlich geplanter Kreativität – eine Tatsache, die, wie mir nur allzu schmerzlich bewusst ist, meine Chancen auf ein Stipendium bei Ihrer Stiftung in diesem klitzekleinen Augenblick von der Länge eines Satzes schon auf ein Nichts zusammenschrumpfen lässt.
Wie sich unser aller Leben in den meisten Fällen nicht planen lässt, so auch nicht eine Geschichte. Am Anfang gibt es nichts weiter als ein weißes Blatt Papier und eine Sehnsucht oder Ahnung, vielleicht auch nur eine Erinnerung an Himbeereis, an einen wunderschön schimmernden Spätsommer-Nachmittag, an einen lieben Menschen, den man leider nie mehr sehen wird oder den man vielleicht gar noch nicht einmal kennt, aber gerne kennen lernen würde. In diesem Sinne bin ich mir frecherweise – bitte entschuldigen Sie meine Indiskretion – ganz sicher, dass Sie zum Beispiel Ihre erste Liebe vorher nicht geplant hatten.

 

Wie alles begann - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte


Ein unglaublich sympathisches Lachen an einem heißen schwülen Apriltag, eine in tiefer Verlegenheit mit Schokoladensoße bekleckerte Hose, eine verschämt vergossene Träne, so oder ähnlich beginnen zumeist die ganz unglaublichen, phantastischen Geschichten unseres Lebens. Und wäre uns schon am Anfang deren weiterer Werdegang oder gar Ausgang bekannt, in den meisten Fällen hätten wir uns wohl niemals auf sie eingelassen. Am Ende unseres Lebens hielten wir dann trauriger Weise anstatt eines reich gefüllten bunten Bilderbuchs wie am Anfang noch immer nur ein leeres, nunmehr aber trostlos ergrautes Blatt Papier in den zitternden Händen: Das Exposé eines nicht gelebten Lebens, einer nie geschriebenen Geschichte …“

So weit war ich gekommen, als ich müde den Stift aus der Hand legte, um zu Bett zu gehen. Ja, am nächsten Tag würde ich die Schriftstellerei ein für alle Mal an den Nagel hängen und endlich etwas Nützliches mit meinem Leben anfangen. 
Doch wieder einmal hatte ich das Leben unterschätzt. Denn in dieser Nacht sollten sich derart seltsame Dinge ereignen, dass ich selbst heute das ein oder andere Mal noch immer überlege, ob ich nicht vielleicht alles nur geträumt habe...
Da diese Geschehnisse jedoch selbst den ausgeschlafensten Leser am Anfang eines Buches allzu sehr verwirren würden, habe ich sie als Nachtrag ganz an das Ende gestellt. Nur so viel: Jene verrückte Nacht sorgte dafür, dass dieses Buch überhaupt entstanden ist und Du lieber Leser es nun in den Händen hältst.
 

Wie alles begann - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte

 


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