Drittes Buch: Erlösung und Verklärung - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte

... Der Hase Hasso von Haiden stand auf dem höchsten Gipfel des Gebirges und schaute voller Sorgen gen Norden. Überall am Horizont zeigten sich schreckliche schwarze Rauchwolken, die wie gierige, hungrige Mäuler gen Himmel züngelten. Die sechste Ebene stand in Flammen, ein Großteil von ihr war bereits durch den unbarmherzigen Mahlstrom verschlungen. Immer häufiger und intensiver führte der Wind den Geruch verbrannter Erde bis zu unserer Reisegesellschaft, die von Tag zu Tag auf dem letzten verschont gebliebenen Zipfel der Ebene immer ungeduldiger auf Jules Rückkehr wartete. Ja, in den letzten drei Nächten hatte sich gar schon der ein oder andere Dämon aus Morsus' schrecklichem Vernichtungsheer siegesgewiss bis zu Hasso und seinen Gefährten vorgewagt und nur die scharfen Augen des mutigen Vogels Scarmor konnten bis dato das Schlimmste verhindern.
Die Stimmung der Gesellschaft, insbesondere von Franzi und Binki Lotz, war auf dem Tiefpunkt angekommen. Beide glaubten nach so vielen Monaten des vergeblichen Wartens, dass Jule nicht mehr am Leben sei. Und nur die unerschütterliche Standhaftigkeit des tapferen Hasen hatte bis dato verhindert, dass Franzi, Fridolin, Hotz Lotz und Binki Lotz noch nicht vor dem Mahlstrom aus der sechsten Ebene Reißaus genommen hatten. Nur noch wenige Stunden würde es dauern, bis der glühende Strom den nahen Fluss Zwrach erreichen und ihn zum Kochen und Verdunsten bringen würde. Dann war der Weg frei zur völligen Vernichtung der sechsten Ebene. Ihr letztes Stündlein hatte geschlagen.
Wenn Jule bis zum Sonnenuntergang nicht von ihrer Reise zurückgekehrt sein sollte, dann müsste er sich und seine Gefährten durch den letzten verbliebenen Fluchtweg, nämlich den Blick durch das Drachenauge in Sicherheit bringen. Doch dieser Weg war gefährlich und konnte gleichsam ihren Tod bedeuten. Noch während dieser ernsten Gedanken hörte der Hase über sich ein Rauschen und erblickte schon den mächtigen Vogel Scarmor mit dem blutroten Stein, der ihn ins Tal zurück bringen wollte.

"Lieber Hasso, nur zu gut weiß ich, was in dir vorgeht. Doch habe bitte Verständnis, dass ich nicht mit euch gehen kann. Mein Platz ist hier in dieser Welt, in der ich bereits seit über neunhunderteinundzwanzigmillionen Jahren lebe und wache. Als letzter Bewohner der Ebene werde ich Morsus und dem Mahlstrom Einhalt gebieten und, so es sein soll, mit der Ebene untergehen."
"Mein Bruder Scarmor, ich weiß, dass jedes Wort von mir unnötig ist, da ich dich von deinem Entschluss nicht abzubringen vermag. Doch habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Ebene zu retten und bin noch immer guter Dinge, dass Jule im Laufe dieses Tages bei uns eintreffen wird."
"Das sagst du schon seit Wochen jeden Tag, doch nichts ist geschehen. Der Schöpfer hat uns vergessen oder er ist bereits tot. Keiner kommt uns hier zu Hilfe. Doch seit einigen Stunden geht mir seltsamer Weise ein uraltes Gedicht durch den Sinn. Es befindet sich auf einer Steinplatte am Boden des fernen Meeres Scaah und ist wohl so alt wie die Ebene selbst. Die Meereselfen, die ihre ersten Bewohner waren, sollen es in den Stein graviert haben. Eine uralte Legende erzählt, dass die Hellste ihrer Seherinnen dereinst weit in die Zukunft geschaut, und was sie gesehen, ihren Gefährtinnen berichtet hatte. Des Öfteren konnte ich den Stein bereits sehen, wenn ich bei ruhiger See über das wunderschöne Meer flog, das nun vom Mahlstrom gänzlich verschlungen worden ist ..."
"Erzähle, was stand auf dem Stein? Vielleicht hilft uns diese Botschaft weiter oder ist sogar unser Rettungsseil, auf das wir so lange schon gewartet haben ..."

„In einer dunklen Nacht,
als meine Brust voll Liebe brannte,
verließ ich mein Haus
im flackernden Licht der Laterne.

Die Nacht war still wie der Tod,
ihr Schleier umhüllte meine wunden Augen,
keinen anderen Führer hatte ich,
als das Feuer in meiner Brust.

Es brannte heller als die Sonne, als alle Gluten der Erde,
und führte mich an einen Ort,
an den keiner mir folgen konnte,
wo mein Geliebter still auf mich wartete.

Und als ich endlich ruhte an seiner Brust,
verbrannte selbstvergessen die Welt,
alles hatte ich gegeben.

Die sanfte Nacht erhörte unser Gebet
und schenkte unsere Liebe den Sternen.
Schlaf ich noch trunken im Vergessen?
Wann endlich färbt der glühende Morgen die weißen Lilien rot?“


"Oooh …, ein wunderschönes und gleichwohl äußerst seltsames Gedicht. Wahrlich ich weiß nicht, was es bedeuten soll. Kannst du dir den Inhalt erklären?"
"Auch ich verstehe ihn nicht, doch sagt mir eine tiefe Ahnung, dass die geheimnisvollen Verse etwas mit dem zu tun haben, was wir gerade erleben. Sie könnten die Lösung unseres Rätsels sein"
"Rätsel? Was meinst du damit?"
"Siehe Hasso, lieber Freund. Mit jedem Augenblick, in dem unsere Welt immer mehr von den Flammen des Mahlstroms verschlungen wird, wächst zugleich wider alle Vernunft meine Liebe und Zuversicht, als ob etwas in Kürze geschehen würde, auf das wir alle schon so lange gewartet haben. Und damit weißt du nun auch den Grund, warum ich nicht von hier weichen kann. Doch zugleich sagt mir mein Verstand, dass diese Welt in wenigen Stunden schon untergehen wird und das Verweilen unseren sicheren Tod bedeutet. Und dieser Widerspruch ist ein großes Rätsel für mich."
"Wahrlich, du hast Recht. Auch mir geht es ähnlich. Das schreckliche Feuer des Drachen Morsus stärkte seltsamer Weise auch meine Zuversicht, obwohl es die totale Vernichtung der Schöpfung bedeutet. Ich wagte es dir nur nicht zu sagen, weil dieses Gefühl mir so absurd erschien. Erst jetzt, wo die Dinge um uns herum unwiederbringlich verloren gehen, spüre ich ihre Kostbarkeit und Schönheit in ganzer Tiefe! Und wir sind die letzten, die sie noch erblicken ... Scarmor, sollten wir überleben, dürfen wir nichts von alledem vergessen. Jedem müssen wir berichten, wie schön die Welt dereinst gewesen! ..."



INHALTSVERZEICHNIS - DRITTES BUCH

· Der Untergang der sechsten Ebene ... 497
· Das Geheimnis der wunderschönen Cloeda ... 505
· Gefunden - Die Errettung der Schönen Cloeda ... 507
· Die Befreiung Schwämmchens ... 513
· Gefangen in der Splitterwelt ... 520
· Das Schwarze Labyrinth ... 527
· Erlösung, Verklärung und Abschied ... 540
· Das ungewöhnliche "Geschäft" des Hasen ... 545

     

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Alle Texte, Illustrationen und Layouts von Ulrich Taschow. Copyright © 2015. All rights reserved.