Erstes Buch: In den Ebenen - Auf dem Rücken der Weisen Schildkröte

... Der Blick durch das Drachenauge

"Da liegt ja das Boot", rief Franzi und rannte auf ein rotbraunes Vehikel zu, das eher die Form einer altmodischen Badewanne besaß: "Und nun rein alle miteinander!"
In einer beschaulichen Fahrt ging es den Fluss hinab durch eine anmutige Landschaft voll der wundersamsten und vielfältigsten Blumen, Bäume und Gräser, die durch all diese angesammelten Kostbarkeiten wie ein uraltes wundersames Gemälde erstrahlte. Das saftige Grün der Wiesen war derart leuchtend, die Blumen von einer solch erlesenen Anmut und Farbigkeit, die Bäume von einer geradezu atemberaubenden Würde und Vollkommenheit, die Käfer und Schmetterlinge so strahlend wie blanke Edelsteine und der tiefblaue Himmel von einer derart sehnsüchtigen Weite, dass Jule und Franzi vor Freude regelrecht das Herze lachte und ein übers andere mal kleine Glücksschauer über ihre Rücken jagten.
"Ach, hier müsste man leben."
"Können wir nicht hierbleiben?", seufzten Jule und Franzi.
"Papperlapapp, die Pflicht ruft! Wichtige Aufgaben gilt es zu bewältigen!", entgegnete barsch der Hase, während er einer Stromschnelle ausweichend, kühn das Steuer herumriss. Und der Hampelmann Fridolin fügte schnippisch hinzu:
"Immer nur grün, wohin man blickt. Das ist ja wohl die Langeweile selbst."
Je weiter sie trieben, desto häufiger wurden die lieblichen Täler nunmehr durch rau zerklüftete rötliche Felsen durchschnitten, auf denen exotische Vögel nisteten. Besonders einer hatte es den Mädchen angetan, ein großer blaugrün Gefiederter mit einem weißen Band um den Hals. Und als hätte er Jules Blick bemerkt, kam er bereits direkt auf sie zugeflogen. Seine mächtigen Flügel, die um ein Vielfaches größer als das Boot waren, warfen ähnlich einer bedrohlichen Gewitterwolke einen breiten dunklen Schatten über die muntere Reisegesellschaft, dass diese es unvermittelt mit der Angst zu tun bekam.
Doch schon entdeckte Jule an dem weißen Band seines Halses erstaunt einen riesigen blutroten Edelstein, dem ein seltsam funkelndes Licht entsprang. Fasziniert blickte sie in dieses durchdringende Leuchten, verfolgte es mit ihren Augen und oh Wunder: Plötzlich fühlte sich Jule selbst wie ein Vogel hoch oben in die kühlen klaren Himmelsgefilde versetzt. Direkt unter ihr lag ein raues Gebirge, das immer höher und höher anstieg, so dass auch sie immer höher steigen musste bis sie schließlich die dunklen schweren Wolken berührte. Da endlich erblickte Jule, umgeben von einem Ring scharfkantiger harscher Felsen, eine rostbraune Burg. Kühn wie ein Schwalbennest klebte sie an einem steilen Fels, der sich wie eine spitze Nadel in den schweren Himmel bohrte. Aus einem Fenster drang ein warmes bernsteinfarbenes Licht, das ihr angenehm in die Augen fiel.
"Jule, he ... Komm sofort zurück!", hörte sie plötzlich eine energische Stimme rufen. Jule erschrak. Fast wäre sie aus dem schwankenden Boot gefallen. Eben noch in der Luft, nun schon wieder auf dem Boden? Das war aber seltsam. Und überhaupt, warum rüttelte der Hase denn so wild an ihr herum?
"He, ich bin doch kein Hampelmann."
"Was soll denn das nun schon wieder heißen?", beschwerte sich Fridolin beleidigt. Und Hasso von Haiden schimpfte:
"Fräuleinchen, du hast soeben in das Drachenauge geblickt. Tu das nie wieder unvorbereitet. Das nächste Mal bin ich vielleicht nicht in deiner Nähe, um dich zurückzuholen!"
"Was, Drachenauge? Meinst du den etwa blutroten Stein? Der strahlte doch so wunderschön. Glaub mir Hase, gerade eben war ich noch ein stolzer Vogel und flog so herrlich leicht in den weiten Himmel. Wuuunderschööön ..."
"Glaub ich dir aufs Wort, meine Liebe", versetzte der Hase wissend: "Nur hättest du dich zuvor irgendwo anbinden sollen, damit du auch wirklich wieder zurückkommst."
"Anbinden? Zurückkommen? Was meinst du denn damit?"
"Ach herje, dies ist eine sehr alte Geschichte. Ich weiß sie von meinem Großvater, der wieder von seinem und der wieder von seinem und so immer fort:


Die Legende von der Schönen Cloeda

"Vor langer, langer Zeit, als die Ebenen noch nicht existierten, als kein Gras, kein Baum und Strauch den Boden bedeckte, die Erde selbst noch nicht vorhanden war, die Tiere, so auch ich, der tapfere Hasenritter und selbst die göttliche Finkenade einzig als Gedanken in den Tiefen der Unendlichkeit wohnten, und die Sterne gerade erst geboren waren, da lebte schon seit einer halben Ewigkeit eine wunderschöne Riesin Namens Cloeda. Sie erstreckte sich über mehrere Milliarden Lichtjahre und war so wunderschön, dass jeder der sie erblickte, auf der Stelle nichts anderes mehr ersehnte, als nur in ihrer Nähe zu sein, um sie für immer und ewig anzuschauen."
"Waaas, schöner als ich?", beschwerte sich der Hampelmann empört: "Das kann doch gar nicht sein ...?"
Doch der Hase fuhr unbeeindruckt fort:
"Ja, die Schöne Cloeda übte eine solche Anziehungskraft auf ihre Umgebung aus, dass nach und nach sämtliche nach ihr erschaffenen Geschöpfe des Universums verzückt in ihren Bannkreis gezogen wurden und die Welt durch dieses Übergewicht schließlich und endlich aus ihrem Gleichgewicht zu geraten drohte. Der Große Schöpfer dieses Universums sah diese Verehrung anfangs mit Freude, da er selbst die Schönheit sehr verehrte und die wundersame Cloeda als höchsten Ausdruck und Sinnbild des Allerschönsten und Guten geschaffen hatte, das ein Geist sich nur zu ersehnen und zu erdenken vermag. Doch im Laufe der Zeit wuchs allmählich seine Besorgnis, weil die Geschöpfe sich nicht mehr auf die Suche nach ihrem eigenen Glück begaben und keinerlei schöne Dinge mehr erschufen. Durch die überwältigende Schönheit der Schönen Cloeda gebannt, hatten sie alles, was ihnen einst heilig und wichtig gewesen, aufgegeben und das Universum drohte über kurz oder lang in absoluter Reglosigkeit zu erstarren.
Nach vielen Überlegungen und Selbstvorwürfen beschloss der Schöpfer endlich etwas zu tun, was diese fortschreitende Erstarrung aufhalten konnte. Unter großem Weinen, unendlicher Trauer und tiefstem Schmerz erschuf er eine allgewaltige Gegenkraft zu dieser absoluten Schönheit, welche die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen sollte. Diese Gegenkraft war ein schrecklicher finsterer Drache Namens Morsus von so unvorstellbar bösartiger und hässlicher Natur, dass es dem Schöpfer selbst fast das Herz gebrach, so etwas ganz und gar Grässliches erschaffen zu haben.
Kaum war dieser Drache in der Welt, eilte er mit unendlicher Wut augenblicks zur Schönen Cloeda und es begann ein Kampf, wie ihn das Universum vordem noch nicht erlebt hatte. Sieben Zeitalter lang stritten Cloeda und Morsus miteinander, ohne dass der eine den anderen wirklich hätte besiegen können. Und der Schöpfer weinte und weinte ohne Unterlass.
Erst als das achte Zeitalter anbrach, griff der Drache zu einer teuflischen List. Morsus zerteilte sich in eine Unzahl kleinerer Drachen, die sich wiederum zerteilten und die wiederum - und so immer fort. Dieses schreckliche Schreckensheer begann die Schöne Cloeda von allen Seiten zu umzingeln, immer näher rückten sie vor. Gegen diese allseitige Übermacht vermochte die Riesin nichts mehr auszurichten, denn ihre Schönheit lebte ja gerade von ihrer absoluten Einheit, Vollkommenheit und Ganzheit. Sie konnte sich nicht zerteilen, ohne ihre Kräfte zu verlieren, wohingegen das Böse und Hässliche ja gerade von der Unvollkommenheit und Kleinheit lebt.
Voller Trauer gab sie sich geschlagen, legte sich schutzlos nieder, um bereitwillig und demütig den letzten Todesstoß zu empfangen. Doch in diesem Moment der allerletzten Hingabe griff der Schöpfer ein und ergoss in einem riesigen Schwall seine unendliche Liebe über die wunderschöne Cloeda.
Unmittelbar darauf zerfiel Cloeda in unzählige Teile, die aber, soweit entfernt sie auch voneinander waren, doch sämtlich durch die unendliche göttliche Liebe gebunden blieben. Von diesem Augenblick an konnte der zerteilte Drache ihr nie wieder ernsthaft gefährlich werden.
Die in ihrem Bann gefangenen schönheitsliebenden Geschöpfe jedoch waren schon zu Beginn des schrecklichen Kampfes durch die freigesetzten Gewalten in die entferntesten Winkel des Universums geschleudert worden und weinten voller Trauer um den Verlust der absoluten Schönheit, die sie nun nie mehr in ihrer Vollkommenheit und Ganzheit erschauen sollten und die sie seitdem Zeit ihres Lebens als nie mehr stillbare Sehnsucht mit sich trugen.
Aus dem riesigen Körper der Schönen Cloeda waren jedoch viele neue Welten und Ebenen entstanden, so auch unsere Ebene, in der wir uns gerade befinden", endete der Hase feierlich seine Erzählung.


Durch die Liebe anbinden

"Und wenn du innerlich ganz still bist, kannst du Cloeda vielleicht in einem Busch, einer Blüte, einem Grashalm, einem Schmetterling oder Felsen spüren und sogar ein Gespräch mit ihr führen. Sie ist nämlich - und das ist das große Geheimnis und Mysterium des Universums - in jedem Ding, auch dem kleinsten als Ganzes vollkommen enthalten ..."
"Ja und was ist nun mit dem Drachenauge und was mit dem Drachen Morsus?", fragten Jule und Franzi fasziniert wie aus einem Munde.
"Ach ja. Der zerteilte oder aufgespaltene Körper des Drachen Morsus bildete nun die dreizehn finsteren Gegenwelten oder unteren Ebenen zu den dreizehn oberen Ebenen der Schönen Cloeda. Und nur in der Mittelebene, die zwischen den oberen und unteren Ebenen sich befindet, hat der Schöpfer einen dauerhaften Ausgleich zwischen den Mächten des Guten und des Bösen hergestellt. Deshalb nennt man diese Ebene auch die Waage-Ebene. Der Drache Morsus selbst aber ist als Wesen noch immer existent. Doch besitzt er durch seine Teilung nur mehr einen Bruchteil seiner ursprünglichen Energie, so dass er die Schöne Cloeda nicht mehr zu vernichten vermag. Dies könnte ihm laut einer weiteren Legende nur gelingen, wenn er die Kräfte des Bösen und der Dunkelheit, die der Schöpfer dauerhaft getrennt hat, erneut zu bündeln vermag. Und damit komme ich nun zu den Drachenaugen:

Während die aus der Schönen Cloeda hervorgegangenen Welten und ihre Geschöpfe durch die unendliche Liebe gebunden blieben, verband sich das aufgespaltene Böse und Hässliche durch den Blick des Drachen, dessen alles kontrollierende Riesenaugen nun in unzählige kleinere Augen, eben die Drachenaugen zersplittert waren. Überall im Universum, in allen 27 Ebenen tief unterhalb des Erdbodens, liegen diese roten Drachenaugen verstreut und sollten es nach dem göttlichen Beschlusse auch für alle Zeiten bleiben.
Doch haben neugierige Wesen sie in jüngster Zeit leichtsinnigerweise ausgegraben und ans Tageslicht gebracht. Ein Blick in einen solchen blutroten Kristall, eben in das Auge des Drachen, ermöglicht es, jeden Winkel des Universums, und sei es auch der Entfernteste, zu erspähen und auszukundschaften.
Dies ist an sich natürlich keine schlechte Sache und oftmals äußerst praktisch. Doch da das Drachenauge der dunklen Gegenwelt angehört, muss jeder, der einen solch tiefen Blick in den blutroten Kristall wagt, sich irgendwo ganz fest anbinden, damit ihn dieser Blick nicht für alle Zeiten in die böse Welt der Finsternis reißt. Ja fürwahr, noch nie hab ich ein Wesen, das in diese finstere Gegenwelt des Drachens gezogen wurde, jemals wiedergesehen."
Jule und Franzi erschauerten: "Und wie können wir uns anbinden?", fragte Jule zitternd.
"Die stärkste Bande ist die Liebe und, wie euch schon erzählte, zugleich die mächtigste Gegenkraft zum Reich der Finsternis. Sollte einer von euch sich jemals auf eine solche Reise durch das Auge des Drachen begeben wollen, dann muss er zuvor sehr intensiv und aus reinstem Herzen an jemanden oder etwas denken, das er ganz doll liebt. Damit knüpft ihr nämlich eine unzerstörbare feste Bande, die euch immer wieder sicher an den Ausgangspunkt eurer Reise zurückbringt. Mein lieber Urgroßvater Waldo von Haiden, genannt der Wahrhaftige, der Entdecker dieser Technik, bezeichnete jenes Vorgehen auch als das Anbinden der Seele."
Da wurden alle plötzlich ganz still. Und selbst der zappelige Fridolin überlegte angestrengt, was ihm denn wohl das Allerliebste auf Erden sei ...



INHALTSVERZEICHNIS - ERSTES BUCH

· Wie alles begann ... 13
ERSTES BUCH: IN DEN EBENEN
· Von Warnemünde nach Berlin ... 23
· Auf der Heide und Hasenglück ... 31
· Hinab ins Erdreich ... 40
· Eine ganz und gar romantische Liebesgeschichte ... 44
· Im Bauch der Riesenflugschlange ... 50
· Berlin steht Kopf ... 62
· Zu Besuch im Lotzeland ... 69
· Der Blick durch das Drachenauge ... 84
· Die Legende von der Schönen Cloeda ... 87
· Durch die Liebe anbinden ... 90
· Die Enten sind los ... 92
· Im Unterwasserreich der Hampelmänner 98
· Der grandiose Empfang Prinz Fridolins 104
· Die große Sintflut ... 110
· Der entschwundene Hofstaat - Der Irrläufer ... 112
· Des Wunderns ist kein Ende ... 117
· Die wundersame Geschichte vom sehnsüchtigen Käfer ... 121
· Im Reich des Binki Lotz ... 125
· Die Geschichte von Schwämmchen und dem schrecklichen Mahlstrom ... 131
· In der geheimnisvollen Kristallhöhle ... 140
· Der Kristallstrom-Depersol-Cismose-Vehrogen-Oszillator ... 155
· Die Entdeckung des Perpetuum Mobile ... 157
· Der böse Plan des Zauberers Echard Susrom ... 162
· Die Flucht ... 170
· Auf dem Rücken des Walfischs ... 178
· Zuhause im Reich der Meereselfen ... 182
· Fridolins Flucht aus dem Hampelmannreich ... 185
· Die denkwürdige Begegnung mit dem Echogeist ... 189
· Zurück im Lotzeland ... 196
· Gefangen in der gefrorenen Zeit ... 203
· Die Begegnung mit der Kraft ... 208
· Die Kunst des Rufens ... 211
· Die Geschichte vom Prinzen Tulitpan ... 213
· Die Hüterin der Zeit ... 222
· Was ein Wollknäuel mit der Zeit zu tun hat ... 228
· Das Essen im Neunuhrsaal ... 240
· Die große Beratung ... 244
· Das Gute und das Böse ... 247
· Die Entscheidung ... 250
· Scarmors Bericht - Reisevorbereitungen ... 257
· Durch den blutroten Kristall zum Fadenmann ... 262
· Die Pforte des Todes und der Gelbe Delphin ... 267
· In der elften Ebene ... 274
· Der Schlüssel aus Licht ... 278
· Im Reich der Träumenden Buddhas ... 286
· In Berlin bei Professor Levitan ... 288
· Zaubereien eines Bildes ... 289
· Im Ägyptischen Museum ... 298
· Spekulationen bei der Rosenfee in der Uhlandstraße ... 304
· Zu Gast bei der Weltenköchin ... 316
· Gefangen im grünen Kristall ... 320
· Unerwartetes Wiedersehen mit dem Echogeist ... 332
· Die Liebe ... 342

     
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